Als Familie Wittram lebten wir in Posen in einem universitätseigenen Mietshaus unter anderen deutschbaltischen Akademikerfamilien, die wir nach dem Krieg fast alle in Westdeutschland wieder trafen. Wir erlebten in den Geschäften oder in der Straßenbahn die diskriminierenden Maßnahmen gegenüber der polnischen Bevölkerung. Wir existierten jedoch weitgehend unter Landsleuten. Da auch die Gruppen des „Deutschen Jungvolks“ häufig von Deutschbalten geleitet wurden, erlebte ich nicht die aggressive Härte der politischen Indoktrination und des entsprechenden Verhaltens. Allzu unreflektiert existierten wir inmitten der faktischen Rolle als die Polen unterdrückende Besatzungsmacht.

Nach mühevollen, aber noch mit Eisenbahnzügen ermöglichten Fluchtwegen vom 20.Januar bis Februar 1945 über Greifswald erreichten wir Göttingen am 10. Februar 1945. Zu meiner Verwunderung erkannte ich in meiner neuen Gymnasialklasse, dass meine Mitschüler sich schon längst und unbeanstandet von der Beteiligung am „Deutschen Jungvolk“ verabschiedet hatten. Für mich bedeutete der Einzug der Amerikaner in Göttingen am 8. April 1945 völlige Orientierungslosigkeit. Für mein Umdenken bestimmend wurde das Erlebnis, dass mein Vater sich mir als Fünfzehnjährigem ab 1946 in seinem Bemühen öffnete, die von ihm mitgegangenen Irrwege nationalsozialistischen Denkens durch betont christliche Gedanken von Schuld, Reue und neuen Anfängen zu verbalisieren und durch Gespräche einer Bewältigung zuzuführen.

Wir waren in einer fast unzerstörten Stadt angekommen, die zudem von besonnenen Stadtvertretern kampflos den Amerikanern übergeben worden war. Dass wir als große Flüchtlingsfamilie aus Eltern, Großeltern und fünf Kindern elementare Hilfen erhielten, verdanken wir einer Gruppe von Göttinger Frauen unter der Leitung von Ehrengard Schramm, geb. von Thadden (spätere Ehrenbürgerin der Stadt). Sie bewirkte für uns die Einweisung in Zimmer einer großen Professorenwohnung, organisierte Hilfssendungen, u.a Mittagstische für uns zwei Jungen in Göttinger Familien. Die mittelgroße Stadt war für unsere Eigenhilfe als Flüchtlinge von vergleichsweise großen Ackerlandund Waldgebieten umgeben. Die von vielen wachen Bürgern, der Universität und nun unterschiedlichen Flüchtlingen bestimmte Stadt ließ keine fremdenfeindliche Stimmungen erkennen und hatte nur ein einziges soziales Problemgebiet mit Flüchtlingen zu bewältigen. Für schon bald in alten Uniformen eintreffende Studenten der Kriegsgeneration veranstaltete Ehrengard Schramm (noch ohne ihren Historiker-Gatten Percy-Ernst) Gesprächsabende in ihrem Hause an der Herzberger Landstraße, dazu Vortragsabende,an denen auch mein Vater teilnahm – erste Ansätze zur Auseinandersetzung mit den Kriegserlebnissen der vergangenen Jahre und nötigen neuen Denkrichtungen.

In einer Stadt mit lebendigen geistigen und persönlich geprägten Zentren, auch einer attraktiven evangelischen Jugend, fand ich für meine Entwicklung die besten Voraussetzungen. Einen Anteil hatte daran auch der Umgang mit baltischen Landsleuten. Schon von April 1945 an sammelte Bruno von Lingen die Deutschbalten, die recht zahlreich in Göttingen eine Bleibe gefunden hatten. In die Stadt kamen Wissenschaftler im Wartestand in die Nähe zur Universität, z.B. Edmund Spohr (Biologe) oder Leonid Arbusow oder der estnische Lektor Otto A. Webermann. Unsere immer noch enge Familienwohnung wurde Anlaufstelle für viele Landsleute, unter ihnen auch gerade Studenten. Ich lernte hier noch als Schüler eine Gruppe deutschbaltischer Studenten kennen. Die vielfältigen Möglichkeiten meines Anfangs nach dem Kriege in Göttingen habe ich stets als besonderes Geschenk meines Lebens und als Verpflichtung für die Zukunft empfunden.

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 2/2015