Aus Schülern werden eigenständige Künstler. Schon 1903 wuchs die Zahl der Schüler Ants Laikmaas rasch an. Spä­ ter war eine Jahrgangsgruppe von 20 Kunststudenten ganz üblich.Von denen, die während der 25 Jahre (1903­-1907 und 1913­-1932) in der Atelierschule län­ ger oder kürzer gelebt und gelernt ha­ ben, kennt man die Namen von etwa 400 Personen, von denen sich 40 als Künstler einen Namen gemacht haben – als loka­ le Meister oder Klassiker der estnischen Kunstgeschichte. Zumeist waren sie Maler; aber es gibt auch zwei Bildhau­ er, Kunsthandwer­ ker, einen Innenar­ chitekten, Grafiker und zwei Karikatu­risten.

Das Namens­ verzeichnis ent­ hält nicht nur Es­ten, sondern auch Russen, Polen und Juden. Besonders reichlich gibt es deutsche Namen. Obwohl viele von ihnen bestimmt Esten gehören, ist doch klar, dass die deutsch­ baltische Minderheit rege beteiligt war. Das war möglich, weil Laikmaa per­fekt deutsch sprach (und die Deutschen estnisch). Besonders interessant ist, dass die Liste auch Adelige verzeichnet – und das noch vor der Geburt der Estnischen Republik! Sie machen zwar nur 3% von allen aus, was aber fast ge­ nau ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung ent­ sprach. Ungeachtet der herkömmlichen gesell­ schaftlichen Schranken lernten Barone und Ba­ronessen bei einem Bauernsohn! Das zeigt: Der Unterricht war gut, der Lehrer hatte nicht nur gute Ma­ nieren, sondern die Schule einen guten Ruf. Sie war offen und nötig für alle.

Zwei dieser Adeligen wurden bekanntere pro­ fessionelle Künstler. Erna von Brinckmann (später Brinckmann­Westphal, 1899­1967) studierte un­ gefähr zehn Jahre bei Laikmaa und profilierte sich mit ihren wunder­ baren Pastellen. Sie war auch eine begabte Karika­ turistin. Nach 1940 arbei­ tete sie in Berlin. – Ganz andere Wege ging der Portraitmaler und Kari­ katurist Otto von Kursell (1884­1967), der 1905 die Atelierschule besuch­te und dann in Dresden und München studierte. Als Gefolgsmann Hitlers und frühes Mitglied der NSDAP zeichnete er an­tisemitische Karikaturen, wurde Redakteur des Völkischen Beob­ achters, Direktor der Staatlichen Hoch­ schule für Bildende Künste in Berlin und einer der wichtigsten Protagonisten des nationalsozialistischen Kulturbetriebes. Drei Laikmaa­Schüler deutschbal­ tischer Herkunft haben sich so in das estnische Kunstleben integriert, dass sie als estnische Maler gelten. Leider hatten sie tragische Schicksale: Der Modernist Kuno Veeber (Weber, 1898­1929) ging als 31­Jähriger in den Freitod. Der er­ ste estnische Tiermaler Paul Burman (1888­1934) war von Vincent van Gogh beeinflusst und litt ebenso unter Geistes­ krankheit. Arved Erich Dörwald (1886­ 1924) studierte später in München und wurde als hervorragender Aquarellist Lehrer der Höheren Kunstschule „Pal­ las“ in Tartu. Er verunglückte früh bei einem Bootsunfall. – Einer der letzten Schüler Laikmaas war Gunter Wechter­ stein (1910­1997), der 1925­1927 in der Atelierschule lernte. Er war vor der Um­ siedlung zu jung, um tiefere Spuren in der estnischen Kunst zu hinterlassen, ist aber auch kein Unbekannter, weil er in hiesigen Ausstellungen gezeigt wur­ de. Das Estnische Kunstmuseum besitzt drei Werke von ihm. Nach dem Krieg lebte er in Minden und schuf vor allem Landschaftsbilder in Pastell (s. Titelblatt von MBL 1/2015), die deutliche Züge der Laikmaa­Schule tragen. Wie sein Leh­ rer arbeitete er als Pleinairmaler vor Ort. Er hat schnell und sicher gemalt, um gleich das Wesentliche zu treffen. Bei der Festveranstaltung zum 125. Ge­ burtstag Laikmaas, die in der frühe­ren Atelierschule bei Haapsalu (Hapsal) stattfand, hielt er in fließendem Estnisch eine bewegende Laudatio und erzählte mit viel Humor vom gemeinsamen Le­ ben des nicht immer einfachen Lehrers mit seinen Schülern. – Zu erwähnen ist auch der Innenarchitekt und Möbelge­ stalter Richard Wunderlich (1902­1976). Er war nicht nur der erste diplomierte Innenarchitekt in Estland, sondern auch einer von den besten.

Die Schülerinnen Bertha Hele­na (Ebba) Weiss (1869­-1947), Marie Magdalene (Magda) Luther (1872­ 1947) und Caroline Au­ gusta Bertha (Lilly) Walt­ her (1866–1946) wandten sich der angewandten Kunst zu. Nach Studien in Helsinki, Paris, Jena, Petersburg und Berlin bildeten sie sich 1903­ 1904 bei Laikmaa weiter und gründeten 1904 in Tallinn mit einer weite­ ren Künstlerin eine klei­ ne Firma, das „Atelier für Kunstgewerbe“. Sie wa­ ren ziemlich erfolgreich und fanden z.B. auf einer Ausstellung angewandter Kunst in Riga besonde­ re Anerkennung. Sie ha­ ben einen Grundstein für professionelles Kunstge­ werbe in Estland gelegt. Magda Luther war später die Besitzerin eines Ate­liers für Raumgestaltung, Lilly Walther eine der er­ sten Restauratorinnen in Estland.

So verschieden die Be­rufe und Schicksale der Schüler waren, so vielsei­ tig die Kunstrichtungen, die sie einschlugen. Ei­ nige folgten dem damals modischen Jugendstil und der nationalen Neuroma­ nik, andere dem Art déco oder dem Kubismus. Es gab Realisten, Impressio­ nisten und die ersten Ex­ pressionisten unter ihnen. Aber er selbst, der Leh­ rer? Viele dieser Merk­ male weist auch seine Kunst auf. Aus Düssel­ dorf hat er den Realis­ mus mitgebracht, aber auch deutliche Elemente von Impressionismus und Postimpres­ sionismus. Allerdings malte er zu groß­ zügig und kraftvoll, um ein echter Im­ pressionist zu sein. Viele seiner Arbeiten wirken sehr expressiv, aber es fehlen Spannung und Konflikt, die echtem Ex­ pressionismus so eigen sind. Manchmal kann er dekorativ und eckig sein, dann wieder ruhig und einfühlsam. Aber im­ mer malte er mit dem Herzen – genau so, wie er seine Schule leitete und den Schülern seine Leidenschaft weitergab.

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 2/2016