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Silberschatz: Neue Dauerausstellung historischen Kunsthandwerks im Haus der Deutsch-Balten in Darmstadt

DARMSTADT. Man sieht einen Schatz. Nicht aus Gold oder Diamant, sondern aus blinkendem Silber ist das kostbare Schmiedegut, das im Haus der Deutsch-Balten zu betrachten ist. In bläulichem Licht, hinter Sicherheitsglas und umschirmt von einer Alarmanlage steht, was man einen baltischen Silberschatz nennt.

Jahrelang wurden die Kunstwerke im Hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt. Doch dessen Schließung wegen seiner Grundsanierung und die künftige, neue Ausstellungskonzeption des großen Hauses würden die bedeutenden Gerätschaften dort ins Magazin wandern lassen – wertvolles Kunsthandwerk aus drei Jahrhunderten, das in den historischen Landschaften Estland, Livland und Kurland (den heutigen Republiken Estland und Lettland) geschaffen wurde. Die Deutsch-Baltische Gesellschaft, die ihren Hauptsitz in Darmstadt hat, nimmt die kostbaren Stücke aus der Heimat ihrer Vorfahren jetzt wieder zu sich.

Eine kurze Beschreibung der Ausstellung können Sie sich hier herunterladen (pdf). 

Die neue Umgebung erinnert an eine fahl beleuchtete Schatzkammer. Nur der Katalog erzählt von der Zeitgeschichte, die sich um die historischen Reichtümer rankt. In dem aufwändig gestalteten Begleitbuch ("Baltisches Silber" von Annedore Leistikow) wird jedoch Handwerksgeschichte lebendig: Man erfährt, dass die Ausstellungsstücke noch im 18. Jahrhundert alltagstauglich waren, und Goldschmiede damals noch nicht hauptsächlich auf das Herstellen von Schmuck reduziert waren. Kaffee, um 1760 gerade einmal fünfzig Jahre in Mode, floss beispielsweise aus einer floral verzierten Silberkanne, deren birnenförmiger Gefäßkorpus auf drei zarten Füßchen hockt. Gebrauchsgeschirr wie Schüsseln und Becher adelten die Mahlzeiten der Reichen mit bildreichem Zierrat: Die im Barock beliebten Deckelkannen sind mit Reliefs aus gegossenem Silber bedeckelt, die häufig allegorische oder biblische Szenen zeigen. Einige sind in der Ausstellung zu sehen. So fein ist etwa eine Allegorie des Herbstes gearbeitet, dass man die Trauben zählen kann, aus denen die Putte Wein in den Mund einer Schönen presst.

Auch ein Stück Kirchengeschichte lässt sich mit Hilfe des Katalogs rekonstruieren. Im Mittelalter waren die baltischen Bistümer Riga, Dorpat und Reval reich an Kirchenschätzen. In den Unruhen der Reformation wurden jedoch große Teile davon eingeschmolzen, weil die neue Liturgie das silberne Gerät überflüssig machte. Die ausgestellte Oblatendose mit Spiegelmonogramm war jedoch auch Anfang des 18. Jahrhunderts noch in sakralem Gebrauch. Ein Prunkstück der Ausstellung und der Gipfel zünftiger Silberschmiedekunst ist der Willkomm-Pokal der Schneider, der durch seine Größe und handwerkliche Präzision die Aufmerksamkeit fesselt. Filigrane Figürchen in Tracht stemmen den bauchigen Korpus, der zum Gruße der Neuankömmlinge mit Flüssigem gefüllt und herumgereicht wurde.

Das ist spannende Geschichte, die dem Prunk mit den historischen Wurzeln auch Spannung beigibt.

Die Ausstellung im Haus der Deutsch-Balten am Herdweg 79 in Darmstadt ist jeweils nach Voranmeldung für Besucher geöffnet.

(Quelle: Anja Trieschmann
2.11.2007)

 

 

Lese-Tipp(s)

Lutz Dettmann: ANU - Eine Liebe in Estland; Universitas Verlag, München, 2012 (ISBN 978-3-8004-1509-0), € 19,99

Ilse von zur Mühlen (Hrsg.): Glanz und Elend - Katalog zur Ausstellung; Kunstverlag Fink, Lindenberg 2012 (ISBN 978-3-89870-1), € 29,95

Gerhard Köpf: Als Gottes Atem leiser ging; Allitera Verlag, München 2010, (ISBN 978-3-86906-094-1), €11,90

Ingeborg Bauer: Von Wald, Wasser und Wind und einer bewegenden Geschichte von Polen, dem Baltikum und St. Petersburg, Books on Demand 2011 (978 38423 4030 5), € 35,90

Per Olov Engquist: Die Ausgelieferten, Hanser 2011, € 24,90

Bernhart Jähnig: Verfassung und Verwaltung des Deutschen Ordens und seiner Herrschaft in Livland.(Schriften der Balt.Hist.Kommission Bd.16), LIT Verlag 2011, €  29,90

Jochen Könnecke: Riga. Die Highlights der Stadt direkt erleben, DuMont 2011, € 9,99

Katrin Reichelt: Lettland unter deutscher Besatzung 1941 bis 1944. Der lettische Anteil am Holocaust, Metropol 2011, € 24,-